Katastrophe im Detail

Das Ausmaß der unmittelbaren Zerstörung

Bei den heftigen und dicht aufeinander folgenden Explosionen wurde fast das gesamte Reaktorinventar herausgeschleudert. In einer fast 100 Meter hohen, nach Augenzeugenberichten rötlich braunen Flamme mit starker Russentwicklung, wurde das Dach der Reaktorhalle weggerissen. Die Trümmer, der Reaktorgraphit, die Brennstofffragmente und schwere Maschinenteile fielen im Umkreis von einigen Hundert Metern auf das Gelände. Das mit Teerpappe eingedeckte Maschinenhaus ging in Flammen auf. Zahlreiche Brände entstanden auf den umliegenden Gebäuden. Auch der unmittelbar benachbarte Reaktorblock drei und das Zwischengebäude mit dem Schornstein waren betroffen. Eine heiße Rauchsäule stieg fast einen Kilometer hoch in den zu dieser Zeit nahezu windstillen Nachthimmel.

Nach wenigen Minuten war die Werksfeuerwehrbrigade im Einsatz. Sie versuchte, die Brände auf den Dächern zu bekämpfen. Mit Löschwasser wollte sie dem roten Glühen im Reaktorsaal beikommen. Dies gelang nicht. Die 1.700 Tonnen Reaktorgraphit mit den Brennstoffkanälen hatten sich durch die sehr hohe Temperatur bei der Leistungsexkursion entzündet. Sie glühten wie ein großes Kohlebrikett, durchsetzt mit Reaktorbrennstoff. Zu diesem Zeitpunkt war die Kettenreaktion großteils zum Erliegen gekommen. Die Wärmeentwicklung kam vom Graphitbrand und der Nachzerfallswärme der radioaktiven Spaltprodukte. Bereits nach wenigen Stunden wurden zahlreiche Feuerwehrmänner mit schwerer Übelkeit und Erbrechen in den Medpunkt des Kraftwerks eingeliefert. Ihre Haut war rotbraun gebrannt, jedoch meist nicht durch das Feuer, sondern durch die radioaktive Strahlung.

Radiologische Situation am Unfallort

Die Strahlenfelder waren nach der Katastrophe unvorstellbar hoch. Selbst in der zirka drei Kilometer entfernten Stadt Pripjat betrug die direkte Gammastrahlung kurz nach der Explosion mehrere Millisievert pro Stunde. Der Normalwert in der Natur ist etwa 10.000 Mal kleiner. Er beträgt zirka 0,1 Mikrosievert pro Stunde. Diese direkte Strahlung kam aus der radioaktiven Wolke, die sich über dem Reaktor gebildet hatte. Zudem wurde Reaktormaterial ausgeworfenen, das im Umkreis des Blockes verteilt war.

Weit höher als in Pripjat war die direkte Strahlung am Kühlkanal des Kraftwerks. Nur wenige 100 Meter vom Katastrophenort entfernt befanden sich zu diesem Zeitpunkt nächtliche Angler/innen. Sie erlitten schwere innere und äußere Verbrennungen durch die Gammastrahlung, die vom Block ausging. Sie hatten große Mengen radioaktiver Gase inhaliert, die sich auszubreiten begannen.

Die Dosisleistung auf dem Werksgelände nahe dem havarierten Block betrug in den ersten Stunden zwischen zehn und einigen 100 Millisievert pro Stunde. Auf dem Dach des Zwischengebäudes und dem Gerüst des Schornsteins, von wo aus manche Feuerwehrmänner den Reaktorbrand zu löschen versuchten, war die Strahlung so hoch wie im Reaktor. Zum Teil betrug die Dosisleistung bis zu 200 Sievert pro Stunde. Solche Belastungen kann selbst ein starker Organismus nur wenige Minuten aushalten. Die Strahlenfelder lagen bis zum Milliardenfachen über der natürlichen Hintergrundstrahlung. Eine absorbierte Dosis von fünf Sievert führt innerhalb von Tagen oder Wochen ohne medizinische Behandlung zum Tod durch akute Strahlenkrankheit. Manche Feuerwehrmänner oder herbeigerufene Techniker/innen brachen bereits nach wenigen Minuten unter Krämpfen zusammen.

Die Luft war angereichert mit radioaktiven Gasen. Diese entströmten dem Reaktor und dem umher geschleuderten Brennstoff. In den ersten Stunden und Tagen waren vor allem die kurzlebigen radioaktiven Isotope wie Jod131, Jod133, Tellur132 oder Cäsium134 für die Dosis verantwortlich. Erst später blieben die langlebigen Radioisotope wie Cäsium137 und Strontium90 übrig.

Notfallmaßnahmen

In den ersten Stunden war unklar, was passiert war. Schnell wussten die Spezialist/innen und Aufräumtrupps, dass bei dem katastrophalen Unfall erhebliche Mengen an Radioaktivität in die Umwelt gelangt waren. Niemand wagte sich aber auszumalen, was das Herumliegen von Reaktorgraphitstücken und Druckröhren der Brennstoffkanäle eigentlich bedeutete. Die Expert/innen gingen von einem schwerwiegenden Reaktorschaden, aber nicht von seiner völligen Zerstörung aus.

Die Bedienungsmannschaft hatte sich nach dem ersten Schock auf Ursachensuche gemacht. Einige waren mit Messgeräten unterwegs in den Zentralsaal, in dem sich der Reaktor befunden hatte. Ein Problem war, dass die Messgeräte - wie die meisten - nicht für derart hohe Strahlenfelder konstruiert sind.

Durch die Reaktorkatastrophe wurden insgesamt etwa 300 Millionen Curie Aktivität freigesetzt. Der größte Anteil während der Explosion und innerhalb der ersten beiden Maiwochen. Noch in der Nacht wurden von Kiew und Moskau Anweisungen erteilt, wie mit der apokalyptischen Situation umzugehen sei. Das Hauptproblem war das mangelnde Wissen um die eigentliche Situation. So kam es zu verzweifelten Versuchen den Reaktor mit Wasser zu kühlen, damit er nicht überhitzt und zerstört würde.
Erst später bemerkte man, dass das Wasser aus der abgerissenen Verbindung herausströmte und zusammen mit dem Löschwasser in die Kellersysteme floss. Da die Keller der Blöcke nicht von einander getrennt waren, breitete sich das hochradioaktive Wasser dort aus. Es gefährdete elektrische Systeme anderer Blöcke.

Am Morgen des 26. April erreichte eine Regierungskommission die Unfallstelle. Die Expert/innen waren aus der ganzen Sowjetunion zusammengezogen worden. In der Region wurde der Notstand ausgerufen. Die konventionellen Brände konnten unter großem Einsatz der Brigaden gelöscht werden. Der Reaktor hatte sich inzwischen so stark erhitzt, dass umliegende Betonträger und Teile des biologischen Schilds weiß glühten.
Langsam erkannte man die Tragweite der Katastrophe. Das Koordinationszentrum wurde zuerst in der Notstandswarte in den Kellerräumen am anderen Ende des Kraftwerks untergebracht. Aufgrund der enormen Radioaktivität wurde es nach Pripjat und später 15 Kilometer weiter in den Ort Tschernobyl verlegt. Spezialtruppen des Militärs, technische Abteilungen großer Industriewerke, Sanitätshelfer/innen, wissenschaftliche Expert/innen und das KGB wurden zum Einsatz geholt. Evakuierungsmaßnahmen für die Zivilbevölkerung liefen an. In mehreren konzentrischen Kreisen um das KKW wurde das Gebiet weiträumig abgeriegelt.

Evakuierung

In drei Etappen wurden bis zum fünften Mai alle über 115.000 Menschen im 30-Kilometer-Gebiet um das Kraftwerk evakuiert. Zusammen mit den Städten Pripjat und Tschernobyl wurden 76 Ortschaften völlig geräumt. Sie wurden den Miliztruppen übergeben. Die Evakuierung wurde mit Bussen vorgenommen. Um Panikzuständen vorzubeugen, wurden die Aktionen nachts vorbereitet.

Die radioaktive Verseuchung nahm ständig zu. Der Wind trug Gase und kontaminierten (verseuchten) Staub. Der Evakuierung war eine Ausgangssperre vorangegangen. Die Menschen wurden aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Sie sollten sich ins Innere ihrer Wohnungen zurückzuziehen, um sich nicht der direkten Strahlung auszusetzen. Die Einwohner/innen wurden mit Lautsprecherwagen und Durchsagen von Helikoptern sowie durch Fernsehen und Radio aufgefordert, sich innerhalb einer festgesetzten Frist, mit dem Nötigsten versorgt, abfahrtbereit zu sammeln. Milizionäre regelten das rasche und geordnete Einsteigen in die Busse. Haustiere mussten zurückgelassen werden. Die über 50.000 Einwohner/innen von Pripjat wurden bereits am Abend des 27. April innerhalb von drei Stunden mit 1.200 Bussen evakuiert. Darunter waren 17.000 Kinder und 80 bettlägerige Patient/innen. Die Fahrzeugkolonne reichte beim Verlassen der eingerichteten Kontrollzone über 15 Kilometer. Während dieser Zeit rollten unaufhörlich Lastwagen und Busse, Spezialtransporter und Kettenfahrzeuge in die Gegenrichtung. Sie schafften das nötige Gerät zur Eindämmung der Nuklearkatastrophe heran.

Aufräumarbeiten und Sarkophag

Die Sowjetunion versuchte, die Reaktorkatastrophe ungeschehen zu machen und zu liquidieren. Sie scheute fast keine Anstrengung, dieses unmögliche Ziel zu erreichen. Der Einsatz an Menschenleben und Material stand dabei in keinem ausgewogenen Verhältnis zum erzielten Effekt. Insgesamt waren 600.000 Menschen als Liquidatoren an den Aufräumarbeiten beteiligt. Die Arbeiten standen unter enormem Zeitdruck. Sie mussten in radioaktiver Umgebung durchgeführt werden.

Die schwierigste Aufgabe bestand in der Errichtung eines Schutzmantels um den offen liegenden Reaktor und das zertrümmerte Gebäude von Block vier. Zwischen Mai und Oktober 1986 errichtete man den so genannten Sarkophag. Er ist eine Schutzhülle aus Stahl, Beton und Schutt. Beim Bau kamen unter anderem ferngesteuerte Bagger und Planierraupen, Schwerlastkräne, Betonpumpen und schwere Militärhubschrauber zur Anwendung. Die Arbeiten wurden Tag und Nacht vorangetrieben.

  • Der größte Teil des Reaktorinventars ist im Sarkophag eingebunkert oder an der Westwand zu einer radioaktiven Deponie aufgehäuft. In der Sperrzone bestehen weitere Lagerstätten für radioaktive Abfälle.
  • 11.500 Behälter mit festen radioaktiven Stoffen lagern in einer überdeckten Stahlbetonwanne an der ehemaligen Baustelle der Blöcke fünf und sechs im Lager "Komplexnuj".
  • Zwölf Kilometer vom Kraftwerk entfernt befindet sich das Lager "Burakowka" mit 200.000 Kubikmeter schwach- und mittelaktiver Abfälle in 30 Gräben.
  • Die Moduldeponie "Podlesnuj" ist zirka 1,5 Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Sie ist für fünf Millionen Kubikmeter hoch- und mittelaktive Stoffe ausgelegt.

Auf zahlreichen weiteren Deponien sind radioaktiv verseuchtes Erdreich, kontaminierter Asphalt, verseuchte Fahrzeuge, Hubschrauber und Baumaschinen sowie Betriebsabfälle (in flüssiger Form) von den Kernkraftwerksblöcken eins bis drei abgelagert. Ein großes Problem stellen die in der Eile unzureichend dokumentierten Grabendeponien dar: 1,1 Millionen Kubikmeter Abfälle liegen zum Teil im Grundwasserbereich, wo vor allem Strontium90 ausgewaschen wurde.

Die Grenzwerte für Trinkwasser wurden 1996 an manchen Grundwassermessstellen um mehr als das 100-fache überschritten. In der Zukunft soll versucht werden, die Deponien in einen sicheren Zustand zu überführen. Neue Deponien sollen zur Einlagerung der Stoffe errichtet werden. Innerhalb der Zone wurden umfangreiche Erdarbeiten zur Dekontamination durchgeführt. Stark verseuchtes Erdreich wurde schichtweise abgetragen oder mit Schotter und Sand überdeckt. Wälder wurden abgeholzt und die Biomasse vergraben. Weniger stark kontaminiertes Gelände wurde untergepflügt. Damit wurden die radioaktiven Stoffe von der Erdoberfläche entfernt und gebunden. Eine Ausbreitung wurde damit verhindert.

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