25 Jahre nach Tschernobyl - Veranstaltung der WUA
Unter dem Motto „Gedenken.Nachdenken.Vordenken“ lädt die WUA am 11. April 2011 alle Interessierten zu einer Konferenz und Diskussion ein. Die Veranstaltung wird durch ein Expertengespräch eingeleitet, mit drei Fachvorträgen fortgesetzt und klingt mit einer Publikumsdiskussion aus. Die Teilnahme ist kostenlos. Detailinformationen (200-KB-PDF)

 

In der Nacht zum 26. April 1986 ereignete sich die verheerende Katastrophe in Tschernobyl. Es kam im vierten Block des Kraftwerks zu der bislang größten Katastrophe bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Schwere Explosionen zerstörten den Reaktor und das Reaktorgebäude. Große Mengen an radioaktiven Stoffen wurden in die Umgebung geschleudert - mehrere tausend Menschen starben oder wurden dauerhaft evakuiert.


Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - 20 Jahre danach

Die Wiener Umweltanwaltschaft (WUA) hat in ihrer Funktion als Atomschutzbeauftragte für Wien, gemeinsam mit dem Österreichischen Ökologie-Institut im Technischen Museum eine "ExpertInnen-Runde" zum Thema "20 Jahre nach Tschernobyl" im April 2006 organisiert. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurden die brisanten Themen rund um das Unglück von Tschernobyl und Wege zu einer nachhaltigen Energiepolitik diskutiert.

Am 26. April 1986 ereignete sich die verheerende Katastrophe in Tschernobyl. Auch 20 Jahre danach sind die Risiken dieser Technologie aufgrund der ungelösten Fragen bezüglich des Betriebes vieler veralterter Atomkraftwerke sowie der anfallenden Mengen radioaktiven Abfalls größer denn je. Alternative Energieformen haben nur wenig Lobby in Brüssel. Die Europäische Union setzt weiter auf die Atomindustrie: Mehr Mittel denn je sollen in der EU für das Atomforschungsprogramm bereitgestellt werden. 

Welche nachhaltigen Energielösungen als Ergebnis einer langjährigen Debatte rund um die Atomenergie notwendig und auch möglich sind, wurde von namhaften Energie-ExpertInnen aus Deutschland und Österreich unter verschiedenen Aspekten erörtert:

Prof. Dr. Wolfgang Kromp vom Institut für Risikoforschung sprach über den Hergang des Unfalls, die technischen Ursachen und Hypothesen sowie den Fallout über Europa.

Der Münchner Strahlenmediziner Dr. Edmund Lengfelder wies in seinem Vortrag darauf hin, dass die gesundheitlichen Folgen nach wie vor von der IAEO und anderen internationalen Organisationen heruntergespielt werden und gab Einblick in die Kranken- und Krebsstatistiken der betroffenen Gebiete.

Der Energiewissenschafter Dr. Hans-Joachim Ziesing vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung führte aus, wie eine Energiepolitik ohne Atomkraft machbar ist. In Deutschland sorgt ein Energieeinspeisegesetz dafür, dass erneuerbare Energien im Vormarsch sind. Ziesing wies darauf hin, dass ein guter Mix an unterschiedlichen alternativen Energieformen und eine erhebliche Erhöhung der Energieeffizienz eine 100-prozentige Versorgung ohne Atomkraft ermöglicht.

Den Abschluss der Nachmittags-Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion zu den Eckpunkten einer nachhaltigen Energiepolitik ohne Atomkraft mit Dr. Petra Seibert, Institut für Meteorologie, DI Stephan Grausam, Österreichischer Biomasseverband, Prof. Dr. Hans-Holger Rogner, IAEA, Mag. Dr. Andrea Schnattinger, Wiener Umweltanwältin und Ing. Antonia Wenisch, Österreichisches Ökologie-Institut.

250 SchülerInnen diskutieren mit ExpertInnen

Am Vormittag haben wir SchülerInnen aus Oberstufenklassen eingeladen mit ExpertInnen die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 unter dem Motto "20 Jahre danach – Jugendliche sprechen darüber" zu diskutieren. Über 250 SchülerInnen sind unserer Einladung gefolgt und diskutierten interessante Fragen (zum Beispiel: Wann wird Tschernobyl wieder risikofrei bewohnbar sein?) mit Prof. Dr. Wolfgang Kromp, Leiter des Instituts für Risikoforschung und Dr. Peter Weish, Forum für Wissenschaft und Umwelt.

Begleitet wurde die gesamte Veranstaltung von einer Plakatausstellung des Bundesrealgymnasiums Rahlgasse. Die SchülerInnen haben im Rahmen einer Projektarbeit Zeitungsberichte recherchiert, PassantInnen sowie ExpertInnen befragt, und daraus einen Kurz-Film produziert.

Rathauskorrespondenz vom 24.4.2006
AKW Tschernobyl
Pripjat - Eine Geisterstadt
Maßnahmen zum persönlichen Ausstieg aus der Atomenergie


 

Chronologie des Unfalls

  • In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 sollte Block vier des Kernkraftwerks Tschernobyl für Routineuntersuchungen heruntergefahren werden. Man wollte die Situation nutzen, um gleichzeitig noch ein Experiment durchzuführen. Dies wurde für die Sicherheit der Anlage als wichtig angesehen. Die Rotationsenergie einer Turbine sollte nach Absperren der Frischdampfzuführung ausgenützt werden. Sie sollte für kurze Zeit noch Strom für die Kühlmittelpumpen erzeugen, bis die Notstromdiesel auf voller Leistung waren. Dieses Experiment sollte die Beherrschbarkeit von Netzausfällen demonstrieren. Um das Experiment eventuell noch einmal wiederholen zu können wurden vor Beginn des Tests mehrere Schnellabschaltsignale vorschriftswidrig im Vorhinein deaktiviert.
  • Das Abfahren des Blockes wurde in den frühen Morgenstunden des 25. April begonnen. Die thermische Reaktorleistung wurde auf zirka 1.600 Megawatt (MW) halbiert. Der Lastenverteiler in Kiew hatte aber weiteren Strombedarf angemeldet. So musste der Reaktor noch am Netz bleiben.
  • 25.4.1986, 21 Uhr: Die Leistung konnte auf 20 bis 30 Prozent reduziert werden. Aufgrund der einsetzenden Xenonvergiftung musste stark nachgeregelt werden. Das bei der Kernspaltung entstandene radioaktive Xenon-Isotop ist ein Zerfallsprodukt aus der Kernspaltung, das Neutronen absorbiert. Die Reaktorleistung war nicht einfach zu stabilisieren: Der Reaktor wurde durch den vorangegangenen langen Betrieb stark mit Spaltprodukten angereichert. Der Brennstoffgehalt war hinunter gebrannt.
  • 26.4.1986, 0 Uhr: Inzwischen war es gelungen, die Reaktorleistung bei zirka 500 MW thermisch (MWth) zu stabilisieren. Der Versuch sollte vorbereitet werden, obwohl dafür ein Leistungsbereich von 700 bis 1000 MWth vorgesehen war. Die Reaktorleistung war aber nicht einfach wieder anzuheben, da bereits 30 Operational Regulatory Margin (ORM) ausgefahren waren. Diese Maßeinheit bezeichnet, wie viele Anteile von den insgesamt 211 Regelstäben sich außerhalb des Reaktorkerns befinden. Sie würden im Notfall nicht zu Neutronenabsorption und der Unterbrechung der Kettenreaktion zur Verfügung stehen. Als Limit wird für den RBMK-1000 eine ORM von 26 angegeben. Das bedeutet, mehr als umgerechnet 26 Regelstäbe dürfen nicht aus dem Reaktor herausgezogen werden. Damit wären die Sicherheitsvorschriften gewahrt. Anstatt den Reaktor abzufahren, wurde dieser in einem zu niedrigen Leistungsniveau weiter betrieben. Die Leistung konnte aber wegen der Neutronen absorbierenden Spaltprodukte nicht ohne Regelverletzung angehoben werden.
  • Durch einen Regelfehler bei der Umstellung der Leistungsregelung auf Versuchsbedingungen fiel die Reaktorleistung praktisch auf Null. Sie konnte nur durch ein regelwidriges weiteres Herausziehen von Absorberstäben erhöht werden.
  • Die Leistung konnte etwas später auf ungenügende sieben Prozent der Nennleistung gehalten werden. In diesem niedrigen Leistungsbereich besitzt der Reaktor unangenehme Steuerungseigenschaften. Er ist für Dauerbetrieb in diesem Bereich nicht konstruiert.
  • 26.4.1986, 0.43 Uhr: Ein wichtiges automatisches Regelsignal wurde überbrückt. Es soll den Reaktor im Notfall abschalten. Wiederum wurde ein sicherheitsbedeutsamer Regelverstoß vorgenommen, um den Versuch wiederholen zu können.
  • Unmittelbar vor Einleitung des Versuches war der Reaktor in einem sehr instabilen Betriebszustand. Die Kühlmittel-Durchströmgeschwindigkeit (Kühlmitteldurchsatz) durch den Reaktor war zu hoch. Die Kerneintrittstemperatur des Kühlwassers war niedrig und der Dampfanteil im Reaktor zu gering. Die Tatsache der Xenonvergiftung, gekoppelt mit dem räumlichen Leistungsprofil und dem zeitlichen Verhalten stimmten nicht überein. Nachrechnungen ergaben, dass die ORM nur mehr knapp acht Regelstäbe betrug. Dies ist weit unter der Betriebsanweisung.
  • 26.4.1986, 1.23 Uhr: Das Experiment wurde mit dem Schließen des Turbinenschiebers eingeleitet. Durch das Auslaufen des Generators bekamen die vier angeschlossenen Hauptkühlmittelpumpen weniger Strom. Sie liefen ebenfalls langsam aus. Dadurch verringerte sich der Wasserdurchsatz im Reaktorkern und die Temperatur stieg an. Damit bildete sich auch mehr Dampf in der aktiven Zone.
    • Eine unangenehme Eigenschaft des RBMK-Reaktors kam nun zum Tragen: der positive Dampfblasenkoeffizient. Eine Erhöhung des Dampfgehalts (unter anderem auch aufgrund einer Temperaturerhöhung) führt bei diesem Reaktortyp zu einer Verstärkung der Kettenreaktion. Weniger Neutronen werden absorbiert. In seltenen Fällen kann sich das Phänomen zu einem positiv rückgekoppelten Regelkreis entwickeln statt sich einzubremsen: Temperaturerhöhung führt zu mehr Dampfblasen. Dies führt zur besseren Moderation der Neutronen und höherer Spaltrate. Die Temperatur wird weiter erhöht und der Kreislauf beginnt von neuem.
    • Die Betriebsmannschaft bemerkte die ungünstige Entwicklung. Sie leitete eine Schnellabschaltung ein. Die Leistung stieg trotzdem erst langsam auf 15 Prozent an. Wegen verzögerter Dampfbildung in den Kanälen der aktiven Zone schnellte sie dann in Sekundenbruchteilen auf das tausendfache der Nennleistung. Mehrere dumpfe Schläge waren aus der Gegend des Reaktorsaals zu hören. Der plötzliche Reaktivitätsanstieg mündete in eine unkontrollierte Kettenreaktion. Das Kühlmittel verdampfte. Durch den enormen und schlagartigen Druckanstieg in den Kanälen barsten diese.
    • Eine gewaltige Explosion erschütterte und verwüstete den ganzen Gebäudekomplex. Die obere Kernabdeckplatte mit einem Gewicht von 3.000 Tonnen wurde von den Kanälen abgesprengt. Sie fiel schräg wieder zurück auf den aufgerissenen Reaktortorso.

Katastrophe im Detail

Das Ausmaß der unmittelbaren Zerstörung

Bei den heftigen und dicht aufeinander folgenden Explosionen wurde fast das gesamte Reaktorinventar herausgeschleudert. In einer fast 100 Meter hohen, nach Augenzeugenberichten rötlich braunen Flamme mit starker Russentwicklung, wurde das Dach der Reaktorhalle weggerissen. Die Trümmer, der Reaktorgraphit, die Brennstofffragmente und schwere Maschinenteile fielen im Umkreis von einigen Hundert Metern auf das Gelände. Das mit Teerpappe eingedeckte Maschinenhaus ging in Flammen auf. Zahlreiche Brände entstanden auf den umliegenden Gebäuden. Auch der unmittelbar benachbarte Reaktorblock drei und das Zwischengebäude mit dem Schornstein waren betroffen. Eine heiße Rauchsäule stieg fast einen Kilometer hoch in den zu dieser Zeit nahezu windstillen Nachthimmel.

Nach wenigen Minuten war die Werksfeuerwehrbrigade im Einsatz. Sie versuchte, die Brände auf den Dächern zu bekämpfen. Mit Löschwasser wollte sie dem roten Glühen im Reaktorsaal beikommen. Dies gelang nicht. Die 1.700 Tonnen Reaktorgraphit mit den Brennstoffkanälen hatten sich durch die sehr hohe Temperatur bei der Leistungsexkursion entzündet. Sie glühten wie ein großes Kohlebrikett, durchsetzt mit Reaktorbrennstoff. Zu diesem Zeitpunkt war die Kettenreaktion großteils zum Erliegen gekommen. Die Wärmeentwicklung kam vom Graphitbrand und der Nachzerfallswärme der radioaktiven Spaltprodukte. Bereits nach wenigen Stunden wurden zahlreiche Feuerwehrmänner mit schwerer Übelkeit und Erbrechen in den Medpunkt des Kraftwerks eingeliefert. Ihre Haut war rotbraun gebrannt, jedoch meist nicht durch das Feuer, sondern durch die radioaktive Strahlung.

Radiologische Situation am Unfallort

Die Strahlenfelder waren nach der Katastrophe unvorstellbar hoch. Selbst in der zirka drei Kilometer entfernten Stadt Pripjat betrug die direkte Gammastrahlung kurz nach der Explosion mehrere Millisievert pro Stunde. Der Normalwert in der Natur ist etwa 10.000 Mal kleiner. Er beträgt zirka 0,1 Mikrosievert pro Stunde. Diese direkte Strahlung kam aus der radioaktiven Wolke, die sich über dem Reaktor gebildet hatte. Zudem wurde Reaktormaterial ausgeworfenen, das im Umkreis des Blockes verteilt war.

Weit höher als in Pripjat war die direkte Strahlung am Kühlkanal des Kraftwerks. Nur wenige 100 Meter vom Katastrophenort entfernt befanden sich zu diesem Zeitpunkt nächtliche Angler/innen. Sie erlitten schwere innere und äußere Verbrennungen durch die Gammastrahlung, die vom Block ausging. Sie hatten große Mengen radioaktiver Gase inhaliert, die sich auszubreiten begannen.

Die Dosisleistung auf dem Werksgelände nahe dem havarierten Block betrug in den ersten Stunden zwischen zehn und einigen 100 Millisievert pro Stunde. Auf dem Dach des Zwischengebäudes und dem Gerüst des Schornsteins, von wo aus manche Feuerwehrmänner den Reaktorbrand zu löschen versuchten, war die Strahlung so hoch wie im Reaktor. Zum Teil betrug die Dosisleistung bis zu 200 Sievert pro Stunde. Solche Belastungen kann selbst ein starker Organismus nur wenige Minuten aushalten. Die Strahlenfelder lagen bis zum Milliardenfachen über der natürlichen Hintergrundstrahlung. Eine absorbierte Dosis von fünf Sievert führt innerhalb von Tagen oder Wochen ohne medizinische Behandlung zum Tod durch akute Strahlenkrankheit. Manche Feuerwehrmänner oder herbeigerufene Techniker/innen brachen bereits nach wenigen Minuten unter Krämpfen zusammen.

Die Luft war angereichert mit radioaktiven Gasen. Diese entströmten dem Reaktor und dem umher geschleuderten Brennstoff. In den ersten Stunden und Tagen waren vor allem die kurzlebigen radioaktiven Isotope wie Jod131, Jod133, Tellur132 oder Cäsium134 für die Dosis verantwortlich. Erst später blieben die langlebigen Radioisotope wie Cäsium137 und Strontium90 übrig.

Notfallmaßnahmen

In den ersten Stunden war unklar, was passiert war. Schnell wussten die Spezialist/innen und Aufräumtrupps, dass bei dem katastrophalen Unfall erhebliche Mengen an Radioaktivität in die Umwelt gelangt waren. Niemand wagte sich aber auszumalen, was das Herumliegen von Reaktorgraphitstücken und Druckröhren der Brennstoffkanäle eigentlich bedeutete. Die Expert/innen gingen von einem schwerwiegenden Reaktorschaden, aber nicht von seiner völligen Zerstörung aus.

Die Bedienungsmannschaft hatte sich nach dem ersten Schock auf Ursachensuche gemacht. Einige waren mit Messgeräten unterwegs in den Zentralsaal, in dem sich der Reaktor befunden hatte. Ein Problem war, dass die Messgeräte - wie die meisten - nicht für derart hohe Strahlenfelder konstruiert sind.

Durch die Reaktorkatastrophe wurden insgesamt etwa 300 Millionen Curie Aktivität freigesetzt. Der größte Anteil während der Explosion und innerhalb der ersten beiden Maiwochen. Noch in der Nacht wurden von Kiew und Moskau Anweisungen erteilt, wie mit der apokalyptischen Situation umzugehen sei. Das Hauptproblem war das mangelnde Wissen um die eigentliche Situation. So kam es zu verzweifelten Versuchen den Reaktor mit Wasser zu kühlen, damit er nicht überhitzt und zerstört würde.
Erst später bemerkte man, dass das Wasser aus der abgerissenen Verbindung herausströmte und zusammen mit dem Löschwasser in die Kellersysteme floss. Da die Keller der Blöcke nicht von einander getrennt waren, breitete sich das hochradioaktive Wasser dort aus. Es gefährdete elektrische Systeme anderer Blöcke.

Am Morgen des 26. April erreichte eine Regierungskommission die Unfallstelle. Die Expert/innen waren aus der ganzen Sowjetunion zusammengezogen worden. In der Region wurde der Notstand ausgerufen. Die konventionellen Brände konnten unter großem Einsatz der Brigaden gelöscht werden. Der Reaktor hatte sich inzwischen so stark erhitzt, dass umliegende Betonträger und Teile des biologischen Schilds weiß glühten.
Langsam erkannte man die Tragweite der Katastrophe. Das Koordinationszentrum wurde zuerst in der Notstandswarte in den Kellerräumen am anderen Ende des Kraftwerks untergebracht. Aufgrund der enormen Radioaktivität wurde es nach Pripjat und später 15 Kilometer weiter in den Ort Tschernobyl verlegt. Spezialtruppen des Militärs, technische Abteilungen großer Industriewerke, Sanitätshelfer/innen, wissenschaftliche Expert/innen und das KGB wurden zum Einsatz geholt. Evakuierungsmaßnahmen für die Zivilbevölkerung liefen an. In mehreren konzentrischen Kreisen um das KKW wurde das Gebiet weiträumig abgeriegelt.

Evakuierung

In drei Etappen wurden bis zum fünften Mai alle über 115.000 Menschen im 30-Kilometer-Gebiet um das Kraftwerk evakuiert. Zusammen mit den Städten Pripjat und Tschernobyl wurden 76 Ortschaften völlig geräumt. Sie wurden den Miliztruppen übergeben. Die Evakuierung wurde mit Bussen vorgenommen. Um Panikzuständen vorzubeugen, wurden die Aktionen nachts vorbereitet.

Die radioaktive Verseuchung nahm ständig zu. Der Wind trug Gase und kontaminierten (verseuchten) Staub. Der Evakuierung war eine Ausgangssperre vorangegangen. Die Menschen wurden aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Sie sollten sich ins Innere ihrer Wohnungen zurückzuziehen, um sich nicht der direkten Strahlung auszusetzen. Die Einwohner/innen wurden mit Lautsprecherwagen und Durchsagen von Helikoptern sowie durch Fernsehen und Radio aufgefordert, sich innerhalb einer festgesetzten Frist, mit dem Nötigsten versorgt, abfahrtbereit zu sammeln. Milizionäre regelten das rasche und geordnete Einsteigen in die Busse. Haustiere mussten zurückgelassen werden. Die über 50.000 Einwohner/innen von Pripjat wurden bereits am Abend des 27. April innerhalb von drei Stunden mit 1.200 Bussen evakuiert. Darunter waren 17.000 Kinder und 80 bettlägerige Patient/innen. Die Fahrzeugkolonne reichte beim Verlassen der eingerichteten Kontrollzone über 15 Kilometer. Während dieser Zeit rollten unaufhörlich Lastwagen und Busse, Spezialtransporter und Kettenfahrzeuge in die Gegenrichtung. Sie schafften das nötige Gerät zur Eindämmung der Nuklearkatastrophe heran.

Aufräumarbeiten und Sarkophag

Die Sowjetunion versuchte, die Reaktorkatastrophe ungeschehen zu machen und zu liquidieren. Sie scheute fast keine Anstrengung, dieses unmögliche Ziel zu erreichen. Der Einsatz an Menschenleben und Material stand dabei in keinem ausgewogenen Verhältnis zum erzielten Effekt. Insgesamt waren 600.000 Menschen als Liquidatoren an den Aufräumarbeiten beteiligt. Die Arbeiten standen unter enormem Zeitdruck. Sie mussten in radioaktiver Umgebung durchgeführt werden.

Die schwierigste Aufgabe bestand in der Errichtung eines Schutzmantels um den offen liegenden Reaktor und das zertrümmerte Gebäude von Block vier. Zwischen Mai und Oktober 1986 errichtete man den so genannten Sarkophag. Er ist eine Schutzhülle aus Stahl, Beton und Schutt. Beim Bau kamen unter anderem ferngesteuerte Bagger und Planierraupen, Schwerlastkräne, Betonpumpen und schwere Militärhubschrauber zur Anwendung. Die Arbeiten wurden Tag und Nacht vorangetrieben.

  • Der größte Teil des Reaktorinventars ist im Sarkophag eingebunkert oder an der Westwand zu einer radioaktiven Deponie aufgehäuft. In der Sperrzone bestehen weitere Lagerstätten für radioaktive Abfälle.
  • 11.500 Behälter mit festen radioaktiven Stoffen lagern in einer überdeckten Stahlbetonwanne an der ehemaligen Baustelle der Blöcke fünf und sechs im Lager "Komplexnuj".
  • Zwölf Kilometer vom Kraftwerk entfernt befindet sich das Lager "Burakowka" mit 200.000 Kubikmeter schwach- und mittelaktiver Abfälle in 30 Gräben.
  • Die Moduldeponie "Podlesnuj" ist zirka 1,5 Kilometer vom Kraftwerk entfernt. Sie ist für fünf Millionen Kubikmeter hoch- und mittelaktive Stoffe ausgelegt.

Auf zahlreichen weiteren Deponien sind radioaktiv verseuchtes Erdreich, kontaminierter Asphalt, verseuchte Fahrzeuge, Hubschrauber und Baumaschinen sowie Betriebsabfälle (in flüssiger Form) von den Kernkraftwerksblöcken eins bis drei abgelagert. Ein großes Problem stellen die in der Eile unzureichend dokumentierten Grabendeponien dar: 1,1 Millionen Kubikmeter Abfälle liegen zum Teil im Grundwasserbereich, wo vor allem Strontium90 ausgewaschen wurde.

Die Grenzwerte für Trinkwasser wurden 1996 an manchen Grundwassermessstellen um mehr als das 100-fache überschritten. In der Zukunft soll versucht werden, die Deponien in einen sicheren Zustand zu überführen. Neue Deponien sollen zur Einlagerung der Stoffe errichtet werden. Innerhalb der Zone wurden umfangreiche Erdarbeiten zur Dekontamination durchgeführt. Stark verseuchtes Erdreich wurde schichtweise abgetragen oder mit Schotter und Sand überdeckt. Wälder wurden abgeholzt und die Biomasse vergraben. Weniger stark kontaminiertes Gelände wurde untergepflügt. Damit wurden die radioaktiven Stoffe von der Erdoberfläche entfernt und gebunden. Eine Ausbreitung wurde damit verhindert.


Folgen der Katastrophe und Tschernobyl heute

Wirtschaftliche Folgen

Neben sozialen und gesundheitlichen Folgen beeinträchtigte der Unfall die wirtschaftliche Produktion in vielen Regionen der Ukraine, Weißrusslands und der Russischen Föderation. Das vorerst notwendige Abstellen der gesamten Reaktoranlage verursachte starke Einbußen in der Stromherstellung. Durch die radioaktive Verstrahlung von Feldern, Wäldern und Gewässern verzeichneten Landwirtschaft und Industrie in allen drei Staaten signifikante Produktionsausfälle. Für 5.120 Quadratkilometer Agrarland und 4.920 Quadratkilometer Forstgebiet wurde die wirtschaftliche Nutzung eingeschränkt.

Durch die Evakuierungsmaßnahmen mussten zusätzliche Gebäude errichtet werden. Zwischen 1986 und 1987 wurden 23.000 Häuser gebaut. Den insgesamt 116.000 umgesiedelten Menschen wurden 15.000 Wohnungen zur Verfügung gestellt. 800 zusätzliche Gebäude für soziale Einrichtungen, wie Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Polizeistationen wurden errichtet. Für die evakuierte Bevölkerung der Satellitenstadt Pripjat wurde eine neue Stadt, Slavutych, gegründet.

Die wirtschaftlichen und finanziellen Hilfsmaßnahmen der Regierungen in den kontaminierten Gebieten waren in erster Linie konzentriert auf:

  • Gesundheitliche Untersuchung und Versorgung der Bevölkerung
  • Versorgung der evakuierten Menschen
  • Säuberung der verstrahlten Regionen
  • Wiederaufbau von Wirtschaft und Industrie
  • Materielle und finanzielle Entschädigung von Individuen und Unternehmen

Gesundheitliche Folgen

Der Unfall von Tschernobyl hatte verschiedenartige Folgen für die Gesundheit der Bevölkerungen der Ukraine, Südrusslands und Weißrusslands. Man kann zwischen drei Arten von Gesundheitsschäden unterscheiden:

Akute Schäden

Akute Schäden betrafen ausschließlich das Personal des Kernkraftwerkes und die aus der Umgebung heran gerufenen Feuerwehrmänner. Nach offiziellen Angaben starben 31 Arbeiter an den direkten Folgen des Nuklearunfalls. Bei 237 wurden akute Verstrahlungssymptome nachgewiesen. Sie wurden innerhalb von 24 Stunden in einem Krankenhaus behandelt.

Beim Bauen einer Betonschutzhülle (Sarkophag) um den Unfallreaktor entstanden ebenfalls akute Gesundheitsschäden. 700.000 Arbeiter/innen und Soldaten (so genannte Liquidatoren) wurden bei den Arbeiten in diesem hochradioaktiven Umfeld sehr stark verstrahlt. Mangels Messgeräten war die akkumulierte Dosisbelastung dieser Menschen häufig nicht zu erfassen. In der öffentlichen Diskussion wird davon ausgegangen, dass zirka 100.000 der etwa 600.000 Einsatzkräfte schwere Spätfolgen, manche davon sogar mit Todesfolge, erlitten haben.

Spätfolgen

Radioaktive Strahlung kann auch bei kleinen (und natürlichen) Dosen zu Veränderungen im Zellkern führen. Diese sterben ab oder vermehren sich ungebremst (Tumorbildung). Aufgrund der langen Entwicklungszeit von Krebserkrankungen beziehen sich die direkt messbaren Folgen zunächst auf die Erkrankungen an Schilddrüsenkrebs bei Kindern (so genannte Tschernobylkinder). Bis 1997 entwickelten sich zirka 900 Schilddrüsentumore in den am meisten radioaktiv belasteten Gebieten. Die Anzahl wird insgesamt auf etwa 1.500 ansteigen, wenn alle Kinder berücksichtigt werden, die zur Zeit des Unfalls bereits geboren waren. Der Schilddrüsenkrebs wurde durch erhöhte Belastung der Schilddrüsen mit radioaktivem Jod (vorwiegend I131) verursacht. Jod131 hat eine relativ kurze Halbwertszeit von neun Tagen. Daher wirkt es nur in der unmittelbaren Zeit nach dem Unfall. So konnte die Zahl der Opfer durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und lokale Behörden gut dokumentiert werden. Dank internationaler Hilfsprogramme konnte in den meisten Fällen das Leben der von Schilddrüsenkrebs betroffenen Kinder gerettet werden. Auch Österreich, besonders das Wiener Sankt Anna Kinderspital, hat sich an diesen Programmen beteiligt.

Zu weiteren längerfristigen Spätfolgen gehören auch andere Krebserkrankungen, wie zum Beispiel Leukämie. Aufgrund der langen Latenzzeit (die Krankheit ist vorhanden, tritt aber noch nicht in Erscheinung) gibt es bisher jedoch keine exakten Zahlen. Eine statistische Häufung dieser Erkrankungen konnte im Gegensatz zu Schilddrüsenerkrankungen nicht festgestellt werden. Weiterhin können Erbgutveränderungen (Mutationen) durch Bestrahlung hervorgerufen werden. In Extremfällen treten die Schäden als körperliche und geistige Behinderungen in den nachfolgenden Generationen auf. Ein direkter Zusammenhang mit den radiologischen Folgen des Unfalls von Tschernobyl lässt sich nur schwer herstellen. Zahlreiche Chemikalien (zum Beispiel bestimmte Lebensmittelfarbstoffe) können Erbgutveränderungen herbeiführen. Für Menschen in belasteten Gebieten besteht die Gefahr, genetische Defekte über mehrere Generationen zu akkumulieren.

Psychologische Folgen

Den Bürger/innen wurde Tschernobyl immer als absolut unfallsicher dargestellt. Die Ursache für psychische Erkrankungen zeigte sich vor allem in einem verstärkten Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Regierung und den Politiker/innen. Die Bürger/innen fühlten sich nicht ausreichend über den Unfall und seine möglichen Folgen aufgeklärt. Ungewiss war, ob auch die Zivilbevölkerung von der entwichenen Strahlung betroffen war. Falls ja, war unklar, wo sich der betroffene Kreis befindet und wie viele davon betroffen sind. Der massive Vertrauensverlust wurde auch auf andere Bereiche in Politik und Gesellschaft übertragen.

Zusätzliche psychische Belastungen entstanden in der Folge der Umsiedelung der Bewohner/innen in der unmittelbaren Kraftwerksumgebung. Betroffen waren in erster Linie ältere Menschen. Sie können sich nur schwer an eine neue Umgebung gewöhnen.

Mit Sicherheit haben psychologische Folgen in Kombination mit Angst und Ungewissheit die Lebensqualität nachteilig beeinflusst. Es liegt in der Natur statistischer Phänomene, wie der durchschnittlichen radioaktiven Belastung, dass von der Wissenschaft nur sehr wenige Aussagen über den/die Einzelne/n getroffen werden können. Genau dies gestaltet sich als großes Problem für die Betroffenen.

Die Zone von Tschernobyl

Im Sommer 1986 wurden eine Kontrollzone mit einem Radius von 30 Kilometern sowie eine Sperrzone mit einem Radius von zehn Kilometer eingerichtet. Aus der Kontrollzone wurden alle Bewohner/innen evakuiert. Seither ist sie mit einem hohen Zaun abgesperrt. Der Zutritt ist nur mit einer Sondergenehmigung an bestimmten Kontrollpunkten möglich. Dieses Gebiet wird als "Zone" bezeichnet. Es erstreckt sich über 2.700 Quadratkilometer auf den Territorien der Ukraine und Weißrusslands. Die meiste Radioaktivität der Nuklearkatastrophe ist in der Zone niedergegangen. Außerhalb des Gebiets bestehen "heiße Stellen". Dort wurde durch ungünstige Witterungsbedingungen viel Radioaktivität deponiert. Stellen mit einer Belastung von mehr als 15, manchmal 40 Curie pro Quadratkilometer wurden in der Regel eingezäunt. Für die ehemaligen Bewohner/innen der Zone wurden neue Siedlungen errichtet. Die Einwohner/innen von Tschernobyl und Pripjat wurden in Vororten von Kiew und in der Region um Chernigov etwas östlich von der Sperrzone angesiedelt. Viele arbeiteten am Kraftwerk.

Die Zukunft der Zone

Die radiologische Situation in der Sperrzone und den stark belasteten Gebieten hat sich gegenüber 1986 deutlich verbessert. Einerseits liegt das am radioaktiven Zerfall der Strahler, deren Aktivität ständig abnimmt. Andererseits an der Ablagerung und dem Absinken der Radionuklide innerhalb des Erdbodens. Eine Deckung, vor allem aber eine Bindung, radioaktiver Partikel besteht. Im Inneren des Sarkophags werden an den meisten Stellen noch etwa 10 mSv/h gemessen. Im Zentralsaal und an den lavaartigen - inzwischen keramikartigen - erstarrten Massen unterhalb des ehemaligen Reaktors existieren jedoch noch "hot spots" durch ehemalige Brennstofffragmente. Sie emittieren eine Ortsdosisleistung von einigen Sv/h und mehr. Auf dem Dach des Zentralsaales liegt die Dosisleistung bei etwa 60 mSv/h. Zum Vergleich: Die natürliche Dosisleistung im Raum Wien beträgt etwa 0,1 Mikrosievert pro Stunde (µSv/h), also 60.000 Mal weniger.

Im dem Maße, wie die Strahlung in größeren Gebieten abnimmt, können diese wieder zunehmend genutzt werden.

Problematisch für viele Jahrzehnte wird sich die ursprüngliche landwirtschaftliche Verwendung gestalten. Durch Viehzucht und Nahrungsmittelanbau auf kontaminierten Böden gelangen Radionuklide in die menschliche Nahrungskette. Dies erzeugt eine zusätzliche Dosisbelastung. Teile der Sperrzone wurden bereits wieder freigegeben. Unkritische Werte wurden dort gemessen. In Zukunft soll die Sperrzone schrittweise und auf der Grundlage von Messungen verkleinert und wieder nutzbar gemacht werden. Es ist aber davon auszugehen, dass im Nahbereich des Kraftwerks von einigen Kilometern in absehbarer Zeit noch keine Wiederbesiedelung stattfindet.

Die Einteilung der belasteten Gebiete erfolgt in drei unterschiedliche Zonentypen. Gebiete mit einer Cäsium 137-Kontamination zwischen 37 und 555 Kilo-Becquerel (kBq) pro Quadratmeter fallen in die Zone eins. Hier bestehen keine radiologisch bedingten Einschränkungen für die Bevölkerung. Mit Zone zwei werden Gebiete mit 555 kBq pro Quadratmeter bis 1.480 kBq pro Quadratmeter bezeichnet. Hier erfolgt eine verstärkte Nahrungsmittelversorgung von außen. Für die Zone drei mit über 1.480 kBq pro Quadratmeter ist eine mittelfristige Umsiedlung angestrebt oder bereits durchgeführt. Gebiete des Typs drei gehören zur eigentlichen Sperrzone. Die Zonen unterliegen ständiger Veränderungen durch Wegzug von Menschen, Evakuierungsmaßnahmen oder auch Rekultivierung und Wiedernutzbarmachung.


Verwendete Quellen und Links

Literatur

  • Der Unfall und die Sicherheit der RBMK-Anlagen, GRS (Gesellschaft für Reaktorsicherheit mbH), 1996, GRS-121
  • Top Themen - FAQs zu Tschernobyl, GRS
  • Die deutsch-französische Initiative für Tschernobyl, GRS/IPSN-1, ISBN 3-931995-24-0

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