Naturschutz und Stadtökologie
Vogelanprall an Glasflächen
Vermeidung von Vogelanprall an Glasflächen - Wahlversuche im Flugtunnel 2010 (05/2010)
Da in der modernen Architektur immer mehr Glas eingesetzt wird, müssen die Architekt/innen vermehrt auf den Vogelschutz achten. Aus diesem Grund werden - aufbauend auf den Ergebnissen internationaler ornithologischer Fachtagungen - Kategorien für die Wirksamkeit von Vogelschutzglas definiert. Um das Angebot an Vogelschutzglas zu erweitern, wurden auch 2009 in der Biologischen Station Hohenau-Ringelsdorf Versuche mit neuen Mustern beauftragt.
Der Vergleich eines Punktrasters mit 27 % bedeckter Fläche mit doppelten vertikalen Punktreihen mit 10 % bedeckter Fläche, zeigt keinen Unterschied. Einfärbig schwarze Markierungen schneiden nicht schlechter ab, als Kombinationen aus schwarzen und orangen Elementen. Allerdings zeigt die Differenzierung der Ergebnisse nach Lichtverhältnissen, dass die einfärbig schwarzen Punktmarkierungen bei hoher Globalstrahlung besser wirken, als bei schwachem Licht. Vertikale schwarz-orange Linien bei 8,5 % bedruckter Fläche schneiden nicht besser ab, als einfärbig orange vertikale Linien bei 4,8 % bedruckter Fläche. Die Linienbreite von 2 Millimeter erweist sich als untere Wahrnehmungsgrenze. Im Vergleich horizontaler und vertikaler schwarzer Linien dieser Dimension weisen die vertikalen Linien deutlich höhere Zahlen von Anflügen auf. Dieses Ergebnis steht im Widerspruch zur beobachteten Verhaltensweise, dass Vögel eher vertikale als horizontale Markierungen meiden. Der Befund wird als Wahrnehmungsproblem interpretiert: vor vertikal ausgeprägter Vegetation heben sich vertikale Linien schlechter ab, während in Folge größerer struktureller Diskontinuität der Vegetation in der Waagrechten, horizontale Linien besser kontrastieren. Das Ergebnis weist darauf hin, dass an der Wahrnehmungsgrenze liegende Markierungen schon bei geringfügigen Änderungen einzelner Variablen überproportional stark an Wirksamkeit verlieren.
Wie wirksam ist wirksam genug? Mit der starken Zunahme von Glas in fast allen von Menschen und Vögeln genutzten Lebensräumen muss danach getrachtet werden, bessere und wesentlich bessere Lösungen zu finden, als solche, deren Wirksamkeit gerade noch nachweisbar ist. Nicht alles, was als Vogelschutzglas verkauft wird, zeigt auch zufriedenstellende Effekte bei der Vermeidung von Vogelanprall. Es muss also beurteilt werden, ob eine bestimmte Markierung zu den bestmöglichen Markierungen gehört oder nicht. In Wahlversuchen im Flugtunnel können unter kontrollierten Bedingungen Wahrnehmbarkeit von Markierungen und durch Markierungen ausgelöstes Meideverhalten von Vögeln geprüft werden. Die seit 2004 laufenden Hohenauer Experimente machen deutlich, dass Ergebnisse von 9:1 (10 % fliegen zur markierten Scheibe, während 90 % dieser ausweichen) oder 19:1 (5 % zur markierten Scheibe) im Wahlversuch schon bei Anteilen von 5 – 10 % bedruckter Fläche möglich sind. Bereits 2008 wurde daher empfohlen, das Verhältnis 9:1 als realistisches und vertretbares Ziel für eine vertretbare Risikokompensation heranzuziehen. Dieses vorläufig als „10 %-Kriterium“ vorgestellte Konzept wurde zum Beispiel auf der Fachtagung der Wiener Umweltanwaltschaft im Februar 2008 unter den derzeit im deutschsprachigen Raum mit der Problematik am intensivsten befassten Ornithologen als Richtwert für „Vogelschutzglas“ anerkannt.