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Wie gefährlich sind Bleirohre im Trinkwassernetz wirklich? (11/2002)

Die Wiener Umweltanwaltschaft gibt Auskunft und sucht Lösungen

In letzter Zeit wurde in den Medien das Thema "Blei im Trinkwasser" heftig diskutiert. Vielfach wurde darauf hingewiesen, dass durch die jahrelange Aufnahme von erhöhten Bleimengen über das Trinkwasser die Gefahr einer chronischen Bleivergiftung besteht. Auch in Wiener Wohnhäusern, insbesondere Altbauten aus der Vorkriegszeit, gibt es noch mehrere tausend Bleileitungen im Trinkwassersystem. Die Wiener Wasserwerke sind für die Leitungen bis zum Wohnhaus verantwortlich - die Hausinstallation liegt im Verantwortungsbereich des Hauseigentümers.

Die Wiener Umweltanwaltschaft hat sich anlässlich der geführten Diskussion kundig gemacht, wie gefährlich die auftretenden Bleikonzentrationen im Trinkwasser tatsächlich sind.

Auswirkungen von Blei im Trinkwasser

Chronische Bleivergiftungen üben toxische Wirkungen insbesondere auf das Nervensystem, die Blutbildung und wahrscheinlich auf die Nieren aus Die entstehende Blutarmut führt zum Beispiel zu erhöhter Müdigkeit und Leistungsabfall.

Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Kleinkindern eine tägliche Zufuhr von 3 bis 4 Mikrogramm (µg) pro kg Körpergewicht keinen Anstieg der Blutbleikonzentration bewirkte. Daraus wurde der sogenannte PTWI-Wert (Provisionably Tolerable Weekly Intake) mit 25 µg Blei/kg Körpergewicht errechnet, der angibt, welche wöchentliche Aufnahme von Blei mit der Nahrung keine Gesundheitsschäden hervorruft. Ein 60 kg schwerer Mensch kann also ohne gesundheitliche Auswirkungen etwa 210 µg Blei pro Tag zu sich nehmen.

Erwachsene sind in der Regel nicht gefährdet

Erwachsene Personen nehmen durchschnittlich zu Hause etwa 1 Liter Trinkwasser zu sich. Wenn sich Bleirohre im Trinkwassernetz befinden, werden - auch wenn sogenanntes Stagnationswasser getrunken wird (welches nach einigen Untersuchungen nur sehr selten mehr als 200 µg/L enthält, meist aber weniger) - Bleimengen aufgenommen, die im Bereich des PTWI-Wertes liegen.

Eine Hamburger Studie, welche die Bleikonzentrationen im Blut von 248 Frauen mit und ohne Bleileitungen in der Trinkwasserversorgung verglich, zeigte, dass der Bleimittelwert bei den Frauen mit den erhöhten Bleikonzentrationen im Trinkwasser nur um 0,6 Mikrogramm pro Deziliter (0,6 µg/dL) höher lag, nämlich bei 3,3 µg/dL gegenüber 2,7 µg/dL. Erste gesundheitliche Auswirkungen (wie Blutarmut) sind jedoch erst bei Bleikonzentrationen im Blut von über 10 µg/dL zu erwarten.

Seltene Ausnahmen durch besonders hohe Bleibelastungen - Global 2000 hat laut eigenen Angaben in einer Trinkwasserprobe einen Spitzenwert von 849 µg/L gemessen - sind jedoch möglich. In anderen veröffentlichten Untersuchungen konnten solch hohe Werte aber nicht gefunden werden.

Eine der Haupteintragsquellen für Blei im Blut war übrigens bis vor einem Jahrzehnt das verbleite Benzin. Durch die Entfernung dieser Blei-Emissionsquelle sank bei der deutschen Bevölkerung der durchschnittliche Bleigehalt des Blutes von 1979 bis 1997 von 12 µg/dL auf 2,5 µg/dL. In Österreich wird die Situation ähnlich sein.

Kleinkinder sind wesentlich empfindlicher als Erwachsene

Kinder reagieren empfindlicher auf Blei als Erwachsene, weil

  • sie von der über Nahrung und Getränke zugeführten Bleimenge durchschnittlich die fünffache Menge gegenüber Erwachsenen (nämlich 50 statt 10 Prozent) über den Darm ins Blut aufnehmen.
  • Blei, auch schon in relativ niedrigen Konzentrationen, die Gehirnentwicklung negativ beeinflussen kann.

Das renommierte Center of Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta, USA, gibt in Übereinstimmung mit vielen anderen Institutionen an, dass Bleikonzentrationen, die einen Wert von 10 µg/dL Blut überschreiten, die kindliche Gehirnentwicklung beeinträchtigen.

Das heißt, dass zum Beispiel die sprachliche Entwicklung etwas langsamer und das Konzentrationsvermögen etwas schlechter ist. Bei Kindern mit Bleiwerten im Blut über 40 µg/dL konnte in einer Studie eine signifikante Verringerung des Intelligenzquotienten (IQ) um vier Punkte festgestellt werden. Auch die Hörnerven sind nach Untersuchungen bei Kindern ein Angriffsziel für Blei. So wurde eine verminderte Hörleistung bei Kindern mit erhöhten Bleiwerten im Blut festgestellt.
Zur Orientierung: Als lebensbedrohlich werden Bleigehalte im Blut ab über 70µg/dL eingestuft.

Erhöhte Bleiwerte bei Kindern waren in den USA noch bis in die 80er Jahre weit verbreitet, und zwar vor allem aufgrund von mit Bleifarben ausgemalten Wänden in einer Vielzahl der Wohnungen. Eine Untersuchung von 1976 bis 1980 stellte fest, dass Kinder in den USA durchschnittlich einen Bleigehalt von 15 µg/dL im Blut  hatten.

Am gefährdetsten sind Säuglinge, die Flaschennahrung bekommen

Für Säuglinge, welche nicht gestillt werden, sondern mit der üblichen in Trinkwasser aufgelösten Babynahrung versorgt werden, ist die gesundheitliche Gefährdung am höchsten, weil sie im Verhältnis zum Körpergewicht sehr viel Trinkwasser aufnehmen.

Dazu eine einfache Rechnung zur groben Abschätzung des möglichen Gefährdungspotentials:

Über Nacht in der Leitung abgestandenes Trinkwasser kann Mengen von 200 µg pro Liter enthalten. Wir nehmen für diese Rechnung an, dass Eltern in der Früh aufstehen, um als erstes ihrem hungrigen Säugling ein Fläschchen zuzubereiten und dabei gleich für zwei weitere Mahlzeiten über Nacht abgestandenes Trinkwasser aus der Leitung entnehmen, es abkochen und für eine sofortige und zwei spätere Mahlzeiten in Fläschchen abfüllen. Da Abkochen das Blei nicht aus dem Wasser entfernt, würde das Baby - womöglich regelmäßig - einen halben bis dreiviertel Liter bleihältiges Wasser zu sich nehmen, das heißt in etwa 120 µg Blei. Ein solcher Säugling nimmt daher die zehnfache Menge gegenüber des oben erwähnten Wertes von 3 bis 4 µg Blei/kg Körpergewicht auf, bei dem keine Erhöhung der Bleikonzentration im Blut festgestellt werden kann.

Die sich im Blut einstellende Konzentration hängt von der Verteilung im Körper und der Verweildauer des Bleis im Blut ab. Da ein neugeborenes Baby nur circa einen Drittel Liter Blut besitzt, steht fest, dass die über das Trinkwasser aufgenommenen Bleimengen sehr wohl in einen Bereich gehen können, der für das Baby schädlich ist.

Die von der Wiener Umweltanwaltschaft erhobenen Daten wurden von der Organisation "Ärzt/innen für eine gesunde Umwelt" überprüft und bestätigt.

Was kann man sofort tun?

Bei Vorhandensein von Bleileitungen vor der Wasserentnahme für Trinkzwecke sollte jedenfalls das Stagnationswasser abgelassen werden. Hierfür lässt man das Trinkwasser bis zum Erreichen einer stabilen kühlen Temperatur ablaufen (mindestens zehn Liter). Im allgemeinen reicht das Wasser zur morgendlichen Körperpflege und Toilette aus um das Stagnationswasser zu verbrauchen. Eine Bleibelastung des Trinkwassers ist danach in den meisten Fällen unter dem seit Dezember 2003 gültigen Grenzwert von 25 µg/l.

Aus der Sicht einer entsprechenden Gesundheitsvorsorge und auch aus ökologischer Gesamtsicht ist es natürlich am sinnvollsten, dort wo es möglich ist, einen Tausch sämtlicher Bleileitungen vorzunehmen. Das höhere Gefährdungspotential geht hier vor allem von den Bleileitungen im Hausbereich aus weil hier am ehesten mit längeren Stehzeiten des Wassers in der Leitung zu rechnen ist.

Was können Betroffene für einen Leitungsaustausch tun?

  • Nähere Auskünfte für gebäudebezogenen Leitungstausch (Steigleitung und Wohnungen) erteilt der Wohnfonds Wien.
  • Nähere Auskünfte für wohnungsseitige Sanierungen (auch Eigenheime und Kleingartenwohnhäuser) erhalten Sie in der Magistratsabteilung 50.


Mehr Informationen:

Wiener Wasserwerke
Institut für Umweltmedizin 
Umweltmedizinische Beratungsstelle 
WHO - Guidelines for drinking water quality