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Allgemeines 

Das KKW Biblis (KWB) liegt einige Kilometer rheinabwärts von Worns in Hessen (Deutschland). Es verdankt seinen Namen der nahgelegenen Gemeinde Biblis (ca. 8800 Einwohner). In Biblis befindet sich neben dem Kernkraftwerk eine Kurzwellen-Sendeanlage von Radio-Free-Europe. Die beiden Reaktoren von Biblis sind frühe Beispiele für die großen westdeutschen Druckwasserreaktoren der zweiten von drei Etappen des Kernenergieausbaus in Deutschland des Herstellers Siemens-KWU (Kraftwerksunion). In diesem Konsortium hatte die deutsche Nuklearindustrie Planung, Entwicklung, Anlagenbau und Wartung gebündelt.

Am Standort Biblis befinden sich zwei Blöcke mit einer Leistung von je 3540 MWth und einer elektrischen Nettoleistung von 1.167 MWel. Biblis B war bei seiner Inbetriebnahme 1976 der leistungsstärkste Kernkraftblock der Welt. 1980 wurde mit dem Genehmigungsverfahren für  Block C begonnen, die Planungsphase wurde aber bald darauf vom Betreiber gestoppt.

Block A darf nach dem deutschen Atomgesetz, eine Reststrommenge von 62 Terawattstunden (TWh) (ab Stichtag 01.01.2000) produzieren, bis es endgültig stillgelegt werden muss. Dies entspricht einem Betrieb - ohne unvorhergesehene Unterbrechungen - bis zirka 2009. Der Betreiber RWE versuchte die Laufzeit beider Blöcke zu verlängern, indem das nach dem Atomgesetz vorgesehene Reststromkontingent für das KKW Mühlheim-Kährlich auf beide Blöcke übertragen wird (KKW Mühlheim-Kährlich musste nach kurzer Betriebszeit vom Netz genommen und siillgelegt werden). Das Atomausstiegsgesetz sieht jedoch eine Übertragung von Reststrommengen auf jeweils ältere Anlagen (Biblis A) nicht vor. Deshalb lehnte das Umweltministerium die Pläne von RWE ab. RWE ist seitdem bemüht die Entscheidung auf rechtlichem Wege anzufechten.

Von Forderungen zur sichherheitstechnischen Nachrüstung von Biblis A wurde von der deutschen Nuklearaufsichtsbehörde (Bundesamt für Strahlenschutz-BfS) bzw. der zuständigen Landesbehörde wegen der vermutlich nur mehr kurzen Betriebsdauer weitgehend abgesehen. Voraussetzung dafür ist, dass keine Restkapazitäten anderer Anlagen auf Biblis A übertragen werden. Die Reststrommenge von Block B beträgt (gerechnet ab Mitte 2003) noch zirka 50 TWh und könnte durch Anteile von KKW Mühlheim-Kährlich um weitere 21 TWh ergänzt werden.

 


Wichtige Zahlen im Überblick  

 ReaktortypLeistung (netto)
(MW elektrisch)
FertigstellungBetriebsende
Biblis-A Druckwasserreaktor Westlicher Typ 11461 (1225)2 1974 06.08.2011 Atomausstieg
Biblis-B Druckwasserreaktor Westlicher Typ 12401 (1300)2 1976 06.08.2011 Atomausstieg
Biblis-C Druckwasserreaktor Westlicher Typ ca. 12501 (1300)2 Planungen eingestellt,
nicht realisiert
-

1Nettoleistung ohne Eigenbedarf
2Bruttoerzeugung inklusive Eigenbedarf

  • Entfernung von der Stadt Wien (Luftlinie): etwa 800 Kilometer
  • Anteil der Anlage an der Stromerzeugung in Deutschland: Zirka 2,5 Prozent (2010)
  • Anteil der Stromerzeugung aus Kernenergie in Deutschland: Zirka 22,5 Prozent (140 TWh 2010)
  • Gesamtstromerzeugung in Deutschland: 628.000 GWh (2010)
  • Jahresstromerzeugung der Anlage: 19 Milliarden kWh (2010)
  • Eingespeiste Energie seit Inbetriebnahme bis 06.08.2011: 476 TWh

Bisherige schwere Stör- und Zwischenfälle

Zur Freisetzung großer Mengen an Radioaktivität kam es am Standort Biblis bisher nicht. Es ereigneten sich jedoch zahlreiche betriebliche Unregelmäßigkeiten, die das Potenzial zu Effekten auf die Umwelt hatten: 

  • 16.12.1987: Eine schadhafte Armatur in Block A führte zu einem Druckanstieg eines Rohrsystems, das nicht dafür ausgelegt war. Es kam zum Entweichen von radioaktivem Dampf. Durch das Abfahren des Reaktors konnte ein gefürchteter Bypassunfall vermieden werden. Dabei würde das Primärkühlwasser durch Versagen von Rohrleitungen im Niederdrucksystem in die Umwelt entweichen und die Kühlung des Kerns beeinträchtigt sein.
  • 1988 wurde bei Wartungsarbeiten in Block B ein Leck im Nachkühlsystem des Primärkreises entdeckt, durch das radioaktives Wasser entwichen war.
  • 4.03.1994: Wegen einem bei Wartungsarbeiten vergessenen Meissel kommt es beim Anfahren des Kreislaufs zu einem Pumpenbrand in Block A.
  • 23.03.1994: Wegen Undichtheit in einem Wasserkreislauf muss der Reaktor A heruntergefahren werden.
  • 23.02.1995: Dampf entweicht aus einem Haarriss eines Wasserkreises von Biblis Block B.
  • 04.08.1996: Beim Wiederanfahren von Block A wurde das verzögerte Öffnen der Druckhalter-Abblaseventile festgestellt.
  • 06.08.1996: Beim Wiederanfahren wurde ein Fehler in der Ansteuerung einer Armatur in der Notstandsverbindung zwischen den Blöcken festgestellt.
  • Im Jahr 1997 wurden bei einer Routinekontrolle drei Risse bei einer Verbindung des Not- und Nachkühlsystems gefunden, die ein Wiederanfahren eines Blockes verzögerten.
  • Im Jahr 2000 wurden defekte Abwärme-Armaturen im nichtradioaktiven Teil entdeckt. Zu einem Entweichen von Radioaktivität kam es nicht.
  • Am 06.08.2001 kam es beim Beladen eines Transportbehälters zum Absturz eines Brennelements (INES-Kategorie 0)
  • März 2003: Während der Durchführung von Anlagenwartungen kam es in Biblis B zu einem Schwelbrand innerhalb des Containments.
  • Im April 2003 wurden Konstruktionsmängel an der Einsaugöffnung der Kühlmittelpumpen von Biblis A festgestellt. Die Öffnungen waren mit 5,9 Quadratmeter gegenüber den vorgeschriebenen 7,3 Quadratmeter um fast 20 % zu klein. Durch das Öffnen zusätzlicher Luken wurde die Ansaugfläche vergrößert. In kritischen Situationen hättte es zu einer mangelhaften Kühlung des Reaktors mit Zerstörung von Brennelementen kommen können.
  • 08.02.2004: Durch einen elektrischen Schaltfehler kam es zur Abtrennung des externen Stomnetzes. Da der Eigenbedarf der Anlage dadurch gefährdet war, wurde die Versorgung durch die Notstromdieselaggregate bis zur Wieder-Zuschaltung des externen Hochspannungsnetzes sichergestellt. Der Vorfall wurde als INES-0 eingestuft.
  • 16.10.2006: Bei einer Kontrolluntersuchgung wurde zufällig festgestellt, dass die Dübeln zur erdbebensicheren Befetigung von Rohrleitungen nur etwa zur Hälfte ordnungsgemäß ausgeführt worden waren. In der Folge wurden beide Blöcke abgefahren und es mussten in mehrmonatigen Arbeiten etwa 15.000 Dübel ersetzt werden. Während dieser Zeit konnten beide Blöcke am Standort keinen Strom produzieren und blieben abgeschaltet. Biblis B hat am 01.12.2007 nach Austausch der fehlerhaften Dübelverbindungen seinen Leistungsbetrieb wieder aufgenommen.  

Kritikpunkte und Position der Wiener Umweltanwaltschaft

Kritikpunkte

Trotz mehrmaliger Aufforderungen des hessischen Umweltministeriums als Aufsichtsbehörde wurde für Block B bisher keine verbunkerte Notstandswarte eingerichtet. Die Anlage Biblis befindet sich in einem Erdbebengebiet. Eine entsprechende Auslegung sicherheitsrelevanter Systeme scheint schon wegen der hohen Besiedlungsdichte der Standortregion unverzichtbar. Die Nachrüstung scheint aber in Anbetracht der stark begrenzten Restlaufzeit inzwischen wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll. Ende der 1990er Jahre wurde öffentlich, dass über Jahre hinweg zahlreiche Brennelemente aus dem Kernkraftwerk Biblis nicht ausreichend auf radioaktive Oberflächenablagerungen untersucht wurden. Dabei kam es mehrfach nachweislich zu Grenzwertüberschreitungen. Die Oberfläche einiger Castorbehälter (Spezialbehälter für radioaktives Material) mit abgebranntem aber auch neuem Kernbrennstoff (auf dem Weg zur Wiederaufbereitung beziehungsweise von der Brennelementeherstellung) waren zum Teil radioaktiv verseucht. Einige Behördenvertreter wussten jahrelang von der schlampigen Praxis, ohne jedoch einzuschreiten. Inwieweit die Verflechtung von Betreiber und Aufsichtsbehörde zu ineffektiven Kontrollen geführt hat - mit erheblichem Sicherheitsrisiko für das Betriebspersonal - wurde von einer Kommission untersucht.

Position der Wiener Umweltanwaltschaft

Das Kernkraftwerk Biblis stellt für die Stadt Wien kein unmittelbares Risiko dar. Selbst bei einem schweren Unfall mit hoher Freisetzung an Radioaktivität ist innerhalb Österreichs aufgrund der Entfernung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mit Evakuierungsmaßnahmen zu rechnen. Bei einem auslegungsüberschreitenden Störfall könnten dennoch Auswirkungen auf das Leben in Österreich nicht ausgeschlossen werden. Beispielweise könnten Anbaugebiete für Lebensmittel über Jahrzehnte nicht mehr genutzt werden. Für die verbleibende Restlaufzeit muss ein sicherer Betrieb mit entsprechenden Investitionen und Erneuerungen gewährleistet werden. Der Betreiber hat sich in der Vergangenheit allerdings nicht sehr kooperativ gezeigt. Die zuständigen Stellen sollten eine Umsetzung der Sicherheitsvereinbarung unverzüglich durchsetzen.


Technische Spezifikationen und Sicherheitssysteme

Jeder der beiden Reaktordruckbehälter ist 13,25 Meter hoch und fünf Meter im Durchmesser. Die Wandstärke beträgt 23,5 Zentimeter, gefertigt aus rostfreiem Stahl. Die aktive Zone besteht aus 193 Brennelementen, die Urandioxid-Brennstofftabletten sind in Zirkaloy-4 Hüllrohren eingeschlossen. Die durchschnittliche Anreicherung von leichtspaltbarem Uran-235 im Brennstoff beträgt drei Prozent. Die Gesamtmasse an Uran im Reaktor beträgt 102,7 Tonnen. Der Primärkreislauf besitzt vier unabhängige Schleifen, die Eintrittstemperatur des Wassers in den Reaktorkern beträgt 284,7 Grad. Das Kühlwasser wird beim Durchströmen der aktiven Zone auf 316 Grad aufgeheizt. Pro Stunde werden pro Reaktor etwa 72.000 Tonnen Wasser auf 316 Grad erhitzt. Die Wärmeenergie wird über vier Dampferzeuger an das Sekundärsystem weitergegeben. Je Reaktor existiert eine Turbine. Der eintretende Dampf hat eine Temperatur von 262,3 Grad. Jede Turbine verarbeitet pro Stunde zirka 6.680 Tonnen Dampf.

Der Auslegungsdruck des Containments beträgt etwas über 4,8 Bar. Die üblichen Sicherheitseinrichtungen wie Containmentsprühsystem, Not- und Nachkühlsysteme sowie Notstromversorgung über Dieselgeneratoren und Akkumulatoren sind vorhanden.


Verwendete Quellen und Links

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