Was geschieht mit radioaktiven Abfällen, wenn ein Staat nicht über die notwendigen Anlagen, Kenntnisse oder finanziellen Mittel für deren Behandlung und Endlagerung verfügt? Eine im Auftrag der Wiener Umweltanwaltschaft erstellte Studie des Österreichischen Ökologie-Instituts untersucht sogenannte „Shared Solutions“. Dabei geht es um bilaterale oder multinationale Lösungen für den Umgang mit radioaktiven Abfällen und abgebrannten Brennelementen.
Mehr als die Hälfte der EU-Mitgliedstaaten zieht die Möglichkeit einer gemeinsamen Endlagerung in ihren nationalen Entsorgungsprogrammen in Betracht. Auch Österreich hat diese Option nicht gänzlich ausgeschlossen. Allerdings gibt es in diesem Zusammenhang viele politische und rechtliche Fragen, die noch nicht beantwortet sind. Konkrete Fortschritte gibt es kaum. Bis heute hat sich noch kein Land bereit erklärt, ein multinationales Endlager zu errichten und die radioaktiven Abfälle anderer Staaten dauerhaft aufzunehmen. Die Europäische Kommission warnt zudem davor, dass das Hoffen auf gemeinsame Lösungen die Entwicklung nationaler Endlagerprogramme verzögern könnte.
Unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit
„Shared Solutions“ können von der Behandlung schwachradioaktiver Abfälle bis zur Errichtung eines multinationalen geologischen Endlagers reichen. Die Studie untersucht unter anderem die Zusammenarbeit zwischen Luxemburg und Belgien, die gemeinsame Verantwortung Sloweniens und Kroatiens für die Abfälle des Kernkraftwerks Krško sowie die Behandlung ausländischer radioaktiver Abfälle im slowakischen Bohunice. Auch europäische Initiativen wie die European Repository Development Organisation (ERDO), das MIRA-Projekt der OECD/NEA und ein Pilotprojekt der Europäischen Kommission werden betrachtet.
Dabei zeigt sich, dass eine gemeinsame Nutzung von Fachwissen und Behandlungsanlagen, insbesondere für Staaten mit sehr geringen Abfallmengen, Vorteile bieten kann. Bei multinationalen Endlagern sind hingegen wesentliche Fragen weiterhin ungeklärt.
Transparenz, Sicherheit und Verantwortung
Ein zentrales Problem ist die vielfach unzureichende Transparenz und Beteiligung der Öffentlichkeit. Entscheidungen über Behandlung, Transport und Endlagerung radioaktiver Abfälle betreffen nicht nur die heutige Bevölkerung, sondern auch zahlreiche zukünftige Generationen. Werden betroffene Menschen erst spät oder unvollständig informiert, geht Vertrauen verloren und Konflikte werden verschärft.
Unklar ist außerdem, welche Sicherheitsstandards für ein gemeinsames Endlager gelten sollen, wer bei Unfällen haftet und wer langfristig die Verantwortung trägt, beispielsweise etwa bei politischen Krisen oder bewaffneten Konflikten. Auch mögliche Kostenüberschreitungen müssen verbindlich geregelt werden. Multinationale Lösungen dürfen keinesfalls dazu führen, dass wirtschaftlich schwächere Regionen oder Bevölkerungsgruppen unter Druck gesetzt und soziale oder ökologische Standards abgesenkt werden.
Nationale Verantwortung bleibt entscheidend
Die Studie empfiehlt daher, gemeinsame Abfallbehandlung und gemeinsame Endlagerung klar voneinander zu unterscheiden. Kooperationen bei Forschung, Wissenstransfer und Behandlung können die Sicherheit erhöhen. Das Abwarten auf ein multinationales Endlager darf jedoch nicht als Ersatz für eine verantwortungsvolle nationale Entsorgungsstrategie dienen.
Gleichzeitig muss die weitere Produktion radioaktiver Abfälle beendet werden. Je länger Atomkraftwerke betrieben und neue Reaktoren errichtet werden, desto größer wird die Abfallmenge, für die über unvorstellbar lange Zeiträume sichere Lösungen gefunden werden müssen.
Mehr Informationen:
Studie: Shared solutions for the management of spent fuel and radioactive waste – status, advantages, and disadvantages, Österreichisches Ökologieinstitut im Auftrag der WUA, 2026
© Foto: Dula Feichter
